Herr Schmutzler, die PID ist seit Donnerstag erlaubt. Für Sie ist das eine nicht gerade unwesentliche Entscheidung. Sind Sie erfreut über das Votum der Abgeordneten?
Ich finde es sehr gut, dass so entschieden wurde - es ist schon lange überfällig gewesen. Schließlich wird die PID bereits weltweit angewendet, nur eben in den deutschsprachigen Ländern nicht. Jetzt können sich Patienten und Ärzte darüber freuen, weil man nun auch bei uns in Deutschland diese medizinische Untersuchung legal durchführen darf.
Davor war es vor allem für Patienten hart, weil meine Kollegen und ich sie nicht einmal offiziell ins Ausland überweisen durften. Andernfalls hätten wir gegen das Embryonenschutzgesetz verstoßen - und das wiederum ist ein Strafgesetz.
Dieses Problem ist nun geklärt und Ärzte können die PID legal durchführen. Wie können Sie das Verfahren im Rahmen des neuen Gesetzes anwenden?
Letztendlich ist entscheidend, dass künftig Embryonen vor der Einpflanzung in den Mutterleib dahingehend untersucht werden dürfen, ob sie lebensfähig sind oder ob sie ernsthafte genetische Erkrankungen haben. Es sind ja auch nur ein paar Zellen, die keine Arme, Beine oder Füße haben - und nichts fühlen. Dank der PID an Embryonen ist es jetzt möglich, vor der Verpflanzung in den Mutterleib Störungen nachzuweisen, die vom Vater kommen. Bislang durften wir nur Eizellen untersuchen und konnten deshalb nur genetische Defekte ausschließen, die von der Mutter stammen.
Welche Krankheiten kann man mit der PID an einem Embryo sicher feststellen?
Es geht um ernsthafte genetische Erkrankungen, die häufig schwerste Behinderungen auslösen oder sogar zum Tode führen können. Man hat aber wohlweislich keinen Katalog aufgeführt, in dem alle Krankheiten aufgelistet sind. Weil es natürlich sein kann, dass in zehn Jahren eine Krankheit entdeckt wird, deren genetischen Hintergrund man heute nicht kennt.
Gibt die PID eigentlich Sicherheit, dass Kinder frei von Krankheiten auf die Welt kommen?
Im Bundestag wurde darauf hingewiesen, es gehe nicht darum, gesunde Kinder zu haben. Die Formulierung hat mich zunächst erstaunt, aber der Abgeordnete hatte völlig recht. Es wird nicht nach einer Palette von Krankheiten geschaut, sondern nach einer konkreten Krankheit, die man vermutet. Es ist also trotz PID möglich, dass Kinder nicht gesund zur Welt kommen.
Warum hat es in Deutschland so lange gedauert, das Ganze gesetzlich zu regeln?
In zahlreichen Ländern wird die Methode schon lange angewendet. Wie am Donnerstag betont wurde, hat man im Ausland damit auch keine negativen Erfahrungen gemacht. Vor diesem Hintergrund verstehe ich umso weniger, warum es bei uns so lange gedauert hat. Vielleicht liegt der Grund darin, dass sich in Deutschland keiner an dieses Thema herangewagt hat. An diesem 'heißen Eisen' wollte sich wohl keiner die Finger verbrennen.
Künstliche Befruchtung einer Eizelle
Finger verbrennen und heißes Eisen sind treffende Worte. Schließlich war während der Debatte auch die Rede von Designer-Babys, bei denen Eltern durch die PID Geschlecht und Augenfarbe ihres Kindes vorgeben können. Was entgegnen Sie als Arzt Leuten, die behaupten, dass durch das Gesetz jetzt der Weg frei für solche Babyexperimente ist?
Dass sie keinen tiefen Einblick in die Medizin haben... Das Thema Designer Babys ist völlig an der Realität vorbei. Täglich finden in Kliniken beispielsweise Ultraschall-Untersuchungen statt. Und niemand würde doch das Kind 'wegwerfen', wenn zu sehen ist, dass es statt fünf nur vier Finger hat... Es geht den Leuten nicht um Augenfarbe und Geschlecht. Es geht ihnen um ein gesundes Kind, das frei von bestimmten und vorher bekannten erblichen Belastungen ist.
Trotzdem die Frage: Sind schon mal Eltern in Ihre Praxis gekommen und wollten Geschlecht oder Augenfarbe des Kindes per PID definieren?
Es wurde schon mal nach dem Geschlecht gefragt. Aber diesem Wunsch dürfen und wollen wir nicht nachkommen. Den Patienten, die eine PID in Anspruch nehmen, geht es in der Regel darum, überhaupt ein Kind zu bekommen. Oder darum, dass sie - wenn die Patienten wissen, dass sie eine Erbkrankheit haben - diese bei ihrem Nachkommen ausgeschlossen werden kann.
Nun werden bei der Durchführung der PID potentiell lebensfähige Embryonen vernichtet. Wie bewerten Sie einen Embryo: Als plumpen Zellhaufen oder schützenswertes Lebewesen?
Man sollte Achtung davor haben. Doch sollte man meines Erachtens im Zweifel für die Eltern entscheiden, anstatt für einen Acht- oder Sechzehnzeller.
Behindertenverbände sagen, Eltern würden durch die PID unter Druck gesetzt. Es heißt, wenn eine Methode zur Vermeidung behinderten Lebens da ist, würden Eltern, die trotzdem ein behindertes Kind auf die Welt bringen, als schlechter abgestempelt werden.
Klar haben Menschen Angst davor, ein behindertes Kind auf die Welt zu bringen. Doch wir sind eine humane Gesellschaft. Das waren wir vor der PID und werden es auch weiterhin sein. Außerdem ist dieser Anstoß unbegründet. Schließlich erleiden viele Menschen erst im Laufe ihres Lebens eine Behinderung - durch das Alter oder durch Unfälle. Auch diese Menschen werden aufgefangen. Dieses Statement hat aus meiner Sicht also mit der Debatte um PID nichts zu tun.
Es sind noch viele andere Meinungen durch die Medien gegeistert. Wurde das Thema richtig vermittelt?
Da sage ich jetzt mal etwas Provokantes... Die Aufklärung über solche Themen sollte man den Ärzten überlassen! Warum misstraut man uns? Das technische Verfahren muss nicht jeder im Detail verstehen. Es reicht doch aus, wenn die Ärzte wissen, was konkret hinter der PID steckt. Es muss nicht plötzlich jeder mitreden und sich eine Meinung bis ins letzte wissenschaftliche Detail bilden können.
Vielen Dank für dieses Gespräch, Herr Schmutzler.
Das Interview führte Fabian Schröder.
Zur Person: Andreas Schmutzler
Andreas Schmutzler ist Leiter des Kinderwunschzentrums der Uni Kiel. Der Frauenarzt ist seit elf Jahren an der Kieler Universität als Arzt und Wissenschaftler tätig. Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Reproduktionsbiologie und insbesondere die Präimplantationsdiagnostik.
